Alkoholfahrt endet mit schwerem Unfall auf der B 253

Sonntag, den 23. Februar 2020 um 02:11 Uhr Verfasst von  Matthias Böhl
Der Pkw einer 34-jährigen Frau raste unter einen Kleintransporter, der auf einen Lkw gedrückt wurde. Der Pkw einer 34-jährigen Frau raste unter einen Kleintransporter, der auf einen Lkw gedrückt wurde. Fotos: Matthias Böhl, 112-Magazin

LAISA. Auf dem Parkplatz an der B253 bei Laisa – da soll es passiert sein. Am späten Samstagabend bekam ich den Auftrag, einen Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person zu dokumentieren. Kalt war es, windig und regnerisch. Die Sicht war eher bescheiden.

Der Parkplatz war mir bekannt. Bereits vor einigen Jahren war ich dort zum Einsatz, weil damals ein Autofahrer bei einer Probefahrt geradeaus gefahren und schwer verletzt worden war.

Als ich auf den Abzweig Laisa – Holzhausen zufahre, begegnen mir bereits Fahrzeuge, die mich aus Richtung Battenberg kommend mit Lichthupe warnen. Stets ein Zeichen, dass es sich um einen größeren Unfall handeln muss. Das zeigt die Erfahrung der letzten rund 25 Jahre der Einsatzfotografie. Als ich um die Kurve komme, sehe ich ein regelrechtes Meer aus Blaulichtern. Die Feuerwehren Battenberg und Laisa, mehrere Rettungswagen und Notärzte aus Waldeck-Frankenberg und dem benachbarten Marburg-Biedenkopf und die Polizei: Sie alle waren gekommen, um den Menschen auf dem Parkplatz zu helfen. Platz für ein weiteres Fahrzeug war dort nicht mehr. Auf der Straße vor oder hinter der Absicherung zu parken, das war mir zu riskant. Ich fuhr zunächst an der Unfallstelle vorbei, um einen Überblick zu bekommen, wo ich parken kann, ohne zu stören oder zu gefährden.

In der Vorbeifahrt erhalte ich einen kurzen Eindruck von der ausgeleuchteten Unfallstelle, der das Schlimmste befürchten lässt. Ich drehe am Abzweig nach Battenberg um und entscheide mich, auf dem der Unfallstelle gegenüberliegenden Parkplatz mein Auto abzustellen. Ich gehe ruhig zur Einsatzstelle. Eine junge Polizeibeamtin steht am Seitenstreifen. Sie spreche ich an. Stelle mich kurz vor und sage, was ich vor habe. Sie verweist mich an ihren Kollegen, der mir dann „Grünes Licht“ gibt. Ich mache Fotos von der Einsatzstelle. Einsatzkräfte arbeiten im Moment an keinem der drei Fahrzeuge mehr. Bremsspuren kann ich in der Dunkelheit und der regennassen Teerdecke keine erkennen. Persönliche Gegenstände liegen da im Straßengraben: Taschen, Kopfstützen, Einkaufskörbe und wenn ich richtig sehe, auch ein Kindersitz. Eine silberne Heckklappe wurde von einem Fahrzeug, wie sich später herausstellt einem Kia, abgetrennt. Der silberne Wagen steckt zur Hälfte unter einem Kleintransporter. Dieser wiederum steckt in einem vor ihm stehenden Lastzug fest. Der Pkw ist kaum zu sehen. Die Beifahrerseite wurde an den Holmen aufgeschnitten. Hier war ein Mensch eingeklemmt. Entsprechende Veränderungen am Dach und Gespräche mit den Polizeibeamten und der Feuerwehr bestätigen dies später. Erst mal bin ich auf mich allein gestellt, kann Fotos machen. Aber den Hergang dieses Unfalles, den kann ich nicht erklären. Eine Flasche mit irgendeinem grünen alkoholischen Getränk liegt in der Böschung unmittelbar neben dem Pkw. Zufall? Überhaupt liegen dort viele Abfälle herum. Kein Zufall, wie die Polizei mir später erklärt.

Eine 34-jährige Frau aus dem Großraum Bad Berleburg, so erklärt es mir der freundliche Polizeibeamte, sei aus Richtung Battenberg gekommen. Sie habe die Kurve geradeaus gefahren und sei dann in den Kleintransporter gerast, den sie wiederum unter das Heck des Lastzuges geschoben hatte.

Die Feuerwehrleute arbeiten im strömenden Regen nun wieder an dem Kia. „Wir ziehen den unter dem kleinen Transporter heraus, weil der Abschlepper das sonst nicht bergen kann“, erklärt mir ein Feuerwehrmann. Er und seine Kameraden haben unter der Leitung von Battenbergs Stadtbrandinspektor Michael Wenzel zwei Feuerwehrfahrzeuge in Stellung gebracht, mit denen sie per Seilwinde und Umlenkrolle versuchen, die verkeilten Fahrzeuge auseinander zu ziehen. Der Kleintransporter bleibt auch beim Bergungsversuch im vor ihm stehenden Lkw stecken und erst nach mehreren Versuchen gelingt es, die Fahrzeuge alle zu trennen.

Jetzt hat der Polizeibeamte noch mal kurz Zeit für mich: Die Beifahrerin der 34-jährigen Frau, so erklärt er mir, sei im Fahrzeug eingeklemmt gewesen. Unter widrigsten Wetterbedingungen haben die Rettungsassistenten, Notfallsanitäter und Notärzte sie versorgt, während die Feuerwehrleute in einer Seelenruhe als hätten sie nie etwas anderes getan, die schwer verletzte Frau aus dem Wrack befreiten. Von Hektik keine Spur. Profis eben. Absolut. Jedes Mal aufs Neue.

„Der Führerschein wurde sichergestellt“, fügt der Polizeibeamte hinzu. Ich spreche ihn auf die Flasche mit dem Alkoholgetränk an. Der Beamte nickt. Mehr muss er mir gar nicht erklären. Die Fahrerin hatte sich mit Alkoholeinfluss hinter das Steuer ihres Wagens gesetzt und diesen schweren Unfall verursacht.

Der Kleintransporter, ein Renault aus Polen, war nicht leer. Der Fahrer hatte in seiner Schlafmulde oberhalb seines Führerhauses bereits geschlafen, als der Wagen der Frau einschlug und den Kleintransporter gegen den Lastwagen schob.

Wie durch ein Wunder wurde der Mann nur leicht verletzt, obwohl die Schlafmulde von außen beschädigt wurde. Die Unfallverursacherin und ihre Beifahrerin wurden hingegen schwer verletzt. „Nicht lebensgefährlich“, ergänzt der Polizeibeamte. Und der Fahrer des Lkw ganz vorne? Der hatte Glück und blieb unverletzt.

Michael Wenzel und seine Kameraden befreiten nicht nur die Frau aus dem Wrack und zogen die Autos auseinander. Sie leuchteten die Unfallstelle zudem aus, streuten Ölbindemittel aus und sicherten die Unfallstelle ab.

Ich frage mich, wie man es fertig bringt, betrunken hinter dem Steuer eines Wagens zu sitzen. Als Presseorgan dürfen wir auch als freie Mitarbeiter nur neutral berichten. Wir dürfen einen Fall nicht bewerten, oder beurteilen. Das ist nicht nur bei uns so, sondern bei allen Medienvertretern.

Deshalb darf ich meine persönliche Meinung hier nicht Kund tun, darf nicht schreiben, was ich davon halte, wenn sich ein Mensch betrunken hinter das Steuer eines Autos setzt und damit nicht nur sein eigenes Leben gefährdet. Auch die Leben oder die Gesundheit vieler anderer Menschen werden gefährdet. Mehr noch: Es wird billigend in Kauf genommen, dass Menschen sterben können. Es kann zu Tragödien kommen, bei denen Familien auseinander gerissen werden und Hinterbliebene einen nicht auszuhaltenden Schmerz erleiden müssen, weil ein Mensch betrunken Auto gefahren ist.

Es müssen Feuerwehrleute, Rettungsdienst, Notärzte und viele andere Helfer zum Einsatz kommen und sich unfreiwillig massivsten Eindrücken aussetzen. Noch dazu effektiv, sicher und routiniert handeln. Polizeibeamten müssen Angehörige informieren. Nachts an einer Haustür schellen und erklären, warum ihre Lieben heute nicht mehr nach Hause kommen. Alles nur, weil ein Mensch betrunken Auto gefahren ist. Eigentlich schade, dass wir nicht sagen dürfen, wie unsere persönliche Meinung dazu ist.

Eines aber dürfen wir ganz freien Herzens sagen und schreiben: Einmal mehr waren die Leistungen der vor Ort eingesetzten Kräfte hervorragend. Durch sie wurde dieses schlimme Ereignis so gut es ging, gemildert und die Verletzten versorgt. Und das finden wir einfach richtig spitze und mehr als beachtlich. Eine Leistung, vor der wir gerne und anerkennend den Hut ziehen.

Und genau diesen Akteuren gelten, wie so oft, unsere Likes unter dem Artikel.

Nach Angaben der Polizei entstand ein Gesamtsachschaden von 29.000 Euro. (112-magazin)

Zuletzt geändert am Sonntag, den 23. Februar 2020 um 08:41 Uhr