Luftrettung für die Rehkitze

Montag, den 12. Juni 2017 um 17:24 Uhr Verfasst von  Matthias Böhl
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Markus Surwehme und Sebastian Fischer retten Rehkitzen das Leben. Markus Surwehme und Sebastian Fischer retten Rehkitzen das Leben. Fotos: Matthias Böhl

BAD BERLEBURG. Freitagabend, warmes Wetter und leichter Wind aus Norden. Die Landwirte wollen ihre hoch gewachsenen Wiesen für Heu und Silo mähen. Von den Kreiselmähern geht jedoch eine Gefahr aus – für in der Wiese abgelegte Rehkitze. Für die kleinen Feld- und Waldbewohner ist am Freitagabend eine beispiellose Rettungsaktion in einer Testphase angelaufen: Hauptberuflicher Revierjäger Markus Surwehme von der Wittgenstein Berleburg`schen Rentkammer, Sebastian Fischer, Inhaber der Firma Fischer-Theromgrafie, der zuständige Jagdpächter – sie alle waren gekommen, um Kitze vor dem Mähtod zu bewahren und ein relativ neues Verfahren zu testen.

Sebastian Fischer ist Drohnenpilot. Der 35-jährige fliegt Drohnen mit Wärmebildkameras. Eigentlich kontrolliert er damit Fotovoltaikanlagen und macht Fotos für Firmen, Bauherren, oder Grundstückseigentümer. Heute ist der ehrenamtliche Feuerwehrmann des Löschzuges Aue-Wingeshausen zusammen mit Markus Surwehme im Rettungseinsatz für Rehkitze tätig.

Revierjäger Surwehme hat in seiner beruflichen Laufbahn schon oft angemähte Kitze gesehen und erlösen müssen: „Wenn Du so was einmal erlebt hast, bricht es Dir das Herz. Die schreien wie kleine Kinder und das geht einem durch Mark und Bein“, berichtet er.

Während Sebastian Fischer sein mehrere Tausend Euro teures Fluggerät startklar macht, zieht der Revierjäger Einmalhandschuhe über und reißt damit große Mengen saftiges Gras aus, das er in die mitgebrachten Kartons legt. Auch viel Löwenzahn und Ochsenzunge sind dabei. Durch die Säfte der Pflanzen werden die Handschuhe verwittert und haben keinen Kunststoff- und Latexgeruch mehr. Ein menschlicher Geruch an den Kitzen würde den sicheren Tod bedeuten, denn die Mutter würde ihre Kitze dann nicht mehr annehmen und säugen. Dass die Kleinen scheinbar alleingelassen in der Wiese liegen, ist nichts Außergewöhnliches. Die Muttertiere kommen mehrmals täglich zu ihrem Nachwuchs zurück, um ihn zu säugen. Denn mitlaufen können die Kitze in den ersten Lebenstagen noch nicht immer. Auch andere Jungtiere, zum Beispiel Feldhasen, sind oft allein unterwegs. Falsch verstandene Tierliebe kann hier zum Tod der Wildtiere führen. Die Tiere wurden nicht verlassen, die Alttiere kehren zurück und die Jungtiere dürfen auf keinen Fall von Menschen angefasst werden.

Sebastian Fischer steigt auf und schwebt elegant talwärts und an der Waldkante entlang. „Da ist eins“, kann er bereits nach wenigen Minuten vermelden. Markus Surwehme geht zu der Stelle, an der Fischer die Drohne nun millimetergenau hält. Nach wenigen Schritten sieht der Jäger das kleine, am Boden liegende Kitz. Er freut sich: Dieses Tier, das weiß er nun, wird nicht tot gemäht. Mit einem gekonnten Griff fasst er es fest und legt es in den mit viel Gras ausgepolsterten Karton. Währenddessen hat Fischer bereits ein zweites und wenige Minuten später auch ein drittes Kitz gefunden. Das zweite Kitz wird ebenso eingefangen und in einen mitgebrachten und ausgepolsterten Karton gelegt. Das dritte ist schon etwas älter und flitzt schließlich alleine in den Wald. Nur knapp ist es dem Mähwerk entkommen, was es bei der nächsten Runde an der Wiese sicher erwischt hätte. „Das macht einfach Freude. Da weiß man, wofür man das macht“, freuen sich Markus Surwehme und Sebastian Fischer.

Die beiden Kitze aus den Kartons lässt der erfahrene Revierjäger in einem Fichtenwald wieder frei und fiept einige Male mit einer speziellen Pfeife, die das Rufen der Kitze imitiert. Nach kurzer Zeit kommt bereits die Rehmutter (Ricke) aus dem Unterholz und findet ihren Nachwuchs – die Kitze waren offensichtlich Zwillinge. Sie leckt die beiden ab und dann zieht sie langsam mit ihnen davon in eine Dickung. Da ist es still. Niemand sagt etwas. Jäger und Drohnenpilot strahlen. Sie haben eben drei kleinen Kitzen das Leben gerettet. In weniger als einer Stunde. Besser könnte das Resümee nicht sein.

Jetzt soll Sebastian Fischer regelmäßig eingesetzt werden, um den Mähtod von Kitzen und anderen Tieren zu verhindern. Weitere Infos zum Luftrettungseinsatz für die Kitze erteilt der Drohnenflieger unter 0160-97546829, oder unter www.fischer-thermografie.de.

Zuletzt geändert am Montag, den 12. Juni 2017 um 17:46 Uhr